Ein Schmetterling im Winter
Bettina von Hanffstengel
„Anfang Dezember und eiskalt!“ schimpfte sie nicht gerade leise vor sich hin und betrachtete missmutig die Eisblumen, die im Licht der Straßenlaterne an ihrem Schlafzimmerfenster zu sehen waren. Blind für ihre Schönheit fühlte sie sich wie im Russland des 19. Jahrhunderts, dem Wetter und den Unbilden des Lebens schutzlos ausgeliefert.
Mürrisch wandte sie den Blick ab und stand auf. An diesem Dezembermorgen war es kalt im Schlafzimmer, das nicht heizbar war. Der einzige Ofen stand im Wohnzimmer und war im Laufe der Nacht ausgegangen. Der Teppich war klamm unter ihren Füßen und der Holzfußboden unangenehm kalt. Das hätte sie sich nicht träumen lassen, an dem warmen und sonnigen Frühlingstag vor vier Jahren, als sie sich für die Wohnung entschieden hatte. Der Kohleofen, der unmittelbaren Kontakt mit dem Feuer versprach, hatte sie dazu verführt, in diese Wohnung zu ziehen.
Sie knipste das Licht an, zog die Vorhänge zu und ging, wie immer im Winter, zuerst ins Wohnzimmer, um den Ofen und den Samowar (ein Überbleibsel aus besseren Tagen), anzuheizen und die Kleidung zu wärmen.
Nach etwa einer halben Stunde breitete sich wohlige Wärme aus. „Schnell waschen und dann rein in die Klamotten“, dachte sie und fror schon bei dem Gedanken an das fließend kalte Wasser, das aus dem Hahn in der Küche kam. Nachdem sie den ersten Becher Tee getrunken hatte, fühlte sie die Wärme bis in die Zehenspitzen.
Vor ihr lag ein langer Wintertag, der ausgefüllt sein wollte. „Andere Menschen wissen gar nicht, was sie als erstes machen sollen in der Vorweihnachtszeit,“ dachte sie traurig und sah auf ihren Adventskranz, der unbenutzt auf dem Tisch lag, obwohl es schon auf den zweiten Advent zuging. „Nur ich sitze hier herum und habe nichts zu tun, wieder einmal.“ Was sollte sie nur mit diesem Tag anfangen? Aufräumen? Nein danke, keine Lust, beantwortete sie ihre eigene Frage. Putzen? Abstauben? Ach, nein! Das alles konnte bis morgen warten. Es war sowieso gleichgültig, wann sie es tat. Wie so oft überkam sie die Befürchtung, ein Parasit der Gesellschaft zu sein. Drei Jahre Arbeitslosigkeit waren nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Das Gefühl überflüssig zu sein, nicht gebraucht zu werden, nagte an ihr. Sie war Sozialpädagogin geworden, um die Welt zu verbessern und nun schien die Welt ohne sie gut auskommen zu können. Voller Bitterkeit erinnerte sie sich an den Ausspruch eines Dozenten: ‚Wer sich für einen sozialen Beruf entscheidet, der entscheidet sich auch dafür, ein Leben lang wenig Geld zu haben.’ Nur hat er leider vergessen hinzu zu fügen,“ dachte sie ingrimmig, „dass SozialberuflerInnen immer von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Und dadurch – welch bitterer Hohn! – zum eigenen Klientel werden. Und das unabhängig von der eigenen Leistung oder der Institution. Soziale Einrichtungen sind im allgemeinen keine Prestigeobjekte für profilierungssüchtige PolitikerInnen und werden als erste auf dem Altar der Sparsamkeit geopfert!“
Sie beschloss aus dem nur allzu bekannten Gedankenkarussell auszusteigen und ging auf der Suche nach einem Frauenkrimi aus der Bücherei ins Schlafzimmer, in dem sie ihre Bücher aufbewahrte, um sie vor dem Staub und der Asche des Wohnzimmerofens zu schützen.
Sie griff sich ein Buch und wandte sich wieder dem Wohnzimmer zu. Aus dem Augenwinkel nahm sie einen blauen Schimmer wahr, der vorüber huschte. „Was war das? Sicher habe ich es mir nur eingebildet,“ dachte sie.
Sie ging zurück ins Wohnzimmer. Da entdeckte sie zu ihrer Überraschung, dass sie nicht den Krimi in der Hand hatte, sondern einen Gedichtband von Galsan Tschinag. „Wo habe ich nur meinen Kopf?,“ dachte sie und wollte das Buch schon weg legen. Aber sie konnte doch nicht widerstehen und fing an, darin zu blättern. Immer wieder bleib sie an einem Gedicht hängen und bewunderte mit welcher Gewandtheit der Sohn tuvinischer Nomaden mit Worten Bilder malte, einfach und doch voll mythischer Kraft. Sie erinnerten an japanische Tuschezeichnungen, die von der Spannung zwischen dem leeren Raum und dem schwarzen Pinselstrich lebten. Aufatmend legte sie das Buch weg, nicht ohne ihr Lieblingsgedicht noch einmal gelesen zu haben. Tränen standen in ihren Augen.
Nach dieser emotionalen Anstrengung brauchte sie unbedingt Ablenkung. Sie legte Holz in den Ofen, ging ins Schlafzimmer und fand den Krimi mit dem auffälligen schwarz-gelben Umschlag auf Anhieb. Da fiel ihr Blick zufällig auf das Fensterbrett, auf dem ein blauer Schmetterling saß und leise mit den Flügeln schlug. „Wo kommt der nur her?“ wunderte sie sich, vergaß ihn aber sogleich wieder. Sie machte es sich im Wohnzimmer mit einem Becher Tee und dem Krimi auf dem Sofa gemütlich und begann zu lesen.
Den ganzen Tag lang saß sie auf dem Sofa und las mit wenigen Pausen bis, sie mit dem Krimi ins Bett ging, um bei geöffneten Vorhängen einzuschlafen. Dann fühlte sie sich nicht ganz so einsam und abgeschnitten vom Rest der Welt.
In der Nacht träumte sie von dem blauen Schmetterling, der ihr voraus in eine Frühlingslandschaft flog.
Am anderen Morgen hatte sie den Traum vergessen und das Aufstehen war fast wie am Tag zuvor. Sie wunderte sich darüber, wie klamm der Teppich war und wie kalt der Fußboden und dass es Eisblumen am Fenster gab. Letzteres hatte sie sich als Kind immer gewünscht, wie sie sich nun erinnerte. „Ich hätte niemals geglaubt, es einmal zu erleben,“ dachte sie auf dem Weg ins Wohnzimmer. Sie las noch einmal in dem Gedichtband, während sie darauf wartete, dass es warm wurde.
Nach dem Waschen und Anziehen brachte sie ihren Schlafanzug ins Schlafzimmer und sah wieder den blauen Schmetterling auf dem Fensterbrett sitzen. Ein Hauch von Frühling lag in der Luft und mit einem Mal erinnerte sie sich an ihren Traum vom Schmetterling und vom Frühling. An diesem Morgen dachte sie nicht voller Zorn an ihren Arbeitsplatz, der der Sparsamkeit zum Opfer gefallen war, sondern an den Frühling, genauer gesagt, an einen blühenden Kirschbaum vor blauem Himmel, umsummt von Bienen.
Sie trank mit Genuss den ersten Becher Tee des Tages und fühlte, wie sich die Wärme in ihr ausbreitete. Entschlossen, sich ihre gute Laune zu bewahren, sah sie sich um und entdeckte die Märchenkassetten von Elsa Sophia von Kamphoevener. Voller Freude lauschte sie dem Märchen vom gelben Schmetterling, das diese auf unnachahmliche Weise erzählte. Ihr wurde bewusst, dass die HeldInnen im Märchen geprüft wurden, Geduld brauchten und oft nicht ahnen konnten, was gut für sie war, um ihr Ziel zu erreichen.
„Nur ich sitze hier und warte,“ dachte sie und seufzte. „Worauf eigentlich? Auf den Märchenprinzen vom Arbeitsamt, der mir eine neue Arbeitsstelle ins Haus bringt?“ Ein ironisches Lächeln folgte diesem Gedanken. „Da kann ich lange warten. Aber was kann ich denn tun? Arbeitsstellen gibt es gut wie keine und das herum Sitzen habe ich nun endgültig satt!“
Sie stand auf und ging durch die Wohnung, in der Hoffnung die körperliche Bewegung könnte den Fluss ihrer Gedanken anregen. Auf ihrer Wanderung kam sie ins Schlafzimmer und sah, wie der Schmetterling aufflog, am Fenster entlang, vorbei an den Eisblumen. Dabei schienen sie sich in Blumen zu verwandeln, in Christrosen, weiße Hyazinthen, Schneeglöckchen und Märzenbecher. Auf einmal war der Schmetterling fort und alles war wieder wie vorher, bis auf einen schwachen Duft nach Frühling, der in der Luft hängen geblieben war. Überrascht sog sie ihn ein. Da war er auch schon wieder verschwunden. Sie trat nahe an das Fenster heran, um eine Erklärung zu finden, aber es roch wie immer nach kaltem, weißen Lack und die Eisblumen sahen aus wie ganz gewöhnliche Eisblumen. Verwundert schüttelte sie den Kopf. Da entdeckte sie ein kleines Guckloch. Gedankenverloren zitierte sie leise „ ... Ich kam an ein Guck und lochte hinein...“, trat ans Fenster und sah durch das Guckloch hinaus. Das wäre freilich nicht nötig gewesen, denn die Eisblumen bedeckten nicht die ganze Fläche der Fensterscheiben, sondern höchstens ein Drittel und es gab mehr als genug Möglichkeiten hinaus zu sehen. Aber dieses Guckloch reizte sie. So eines hatte sie sich schon immer gewünscht. Aber wann war es schon je so kalt gewesen, dass es Eisblumen an den Fenstern gab? Seit Menschengedenken nicht! Sie trat also noch näher an das Fenster heran und spähte durch das Guckloch hinaus. Zu ihrer Verwunderung sah sie die Landschaft ihres Traumes wieder und da stand auch der Kirschbaum, umsummt von Bienen. Ihr war, als wäre sie in ein Märchen geraten. Sie blinzelte voller Staunen und trat vom Fenster zurück, doch da war nur die Straße mit ihren Schneehaufen. „Wenn ich es nur wagen würde, auf den Schwingen der Fantasie zu reisen, wo würde ich dann hin fliegen?“ fragte sie sich. „Ich würde auf geradem Umweg ins Märchenland fliegen, denn gerade Wege gibt es dort nicht, soweit ich weiß. Dort geht es immer weiter, auch wenn es ganz schlimm ausschaut! Wie komme ich nur dort hin?“ überlegte sie.
Sie beschloss aufzuschreiben, was sie erlebt hatte und schrieb:
„Felder, Wiesen und Wälder waren mit Schnee bedeckt. Es war Winter und eiskalt. In einer Hütte im Wald lebte eine Frau ganz einsam und allein. Der Schnee versperrte ihr den Weg nach draußen. Sie wünschte sich den Frühling herbei, der Wärme und neues Leben bringen würde. Sie konnte das Krächzen der Krähen, die in den Bäumen saßen hören und sehnte sich nach dem Gesang der Amsel. So saß sie und sann. Da bemerkte sie mit einem Mal einen blauen Schmetterling in ihrer Hütte. „Wo kommst du denn her?“ fragte sie ihn. „Ich komme aus dem Blauen Land der Träume und Wünsche,“ antwortete der Schmetterling. „Deine Sehnsucht nach dem Frühling hat mich zu dir gebracht.“ Verwundert sah die Frau ihn an. Mit einer Antwort hatte sie nicht gerechnet. „Kann ich mit dir in das Blaue Land der Träume und Wünsche kommen?“ fragte sie. „Schließ die Augen, denke ganz fest an den Frühling und schon bist du da,“ sagte der Schmetterling. Das tat die Frau. Sie schloss die Augen und dachte an den Frühling im Wald, hörte die Bienen summen, die Amsel singen, roch und sah die blühenden Blumen auf der Lichtung. Da öffnete sie ganz behutsam die Augen und sah sich um. Sie saß auf einer Lichtung, auf der ein blühender Kirschbaum stand. Die Sonne schien hell und warm vom Himmel und die Vögel sangen ihre Frühlingslieder. Auf einer Blume in der Nähe saß der Schmetterling und schlug leise mit den Flügeln. Voller Freude sog die Frau die Frühlingsluft in vollen Zügen ein. „Wie lange kann ich hier bei dir bleiben?“ fragte sie den Schmetterling. „Wenn die Sonne untergeht, musst du dich auf den Heimweg machen,“ antwortete dieser. „Du kannst aber jeden Tag zurück kommen und das nicht nur im Winter.“ Da fiel der Frau am Abend der Abschied leicht, denn sie freute sich schon auf den nächsten Tag.“
Überrascht von ihrer Geschichte legte sie den Stift weg. „Nun bin ich wahrhaftig im Märchenland angekommen!“ dachte sie überrascht und zufrieden. Sie ging ins Schlafzimmer und blinzelte den Eisblumen am Fenster vergnügt zu. Das Guckloch war verschwunden, aber das war nicht mehr wichtig, denn nun wusste sie, wie sie jederzeit ins Märchenland ihrer Kindheit zurückkehren konnte. Sie glaubte fest daran, dass sie im Vertrauen auf die Kraft ihrer inneren Bilder, ihr Leben auch in der Realität zum Besseren würde wenden können.
Den restlichen Tag verbrachte sie damit, ihre Wohnung endlich in Ordnung zu bringen. Am Abend zündete sie die erste Kerze an ihrem Adventskranz an, wieder einmal überrascht von dem hellen Licht, das eine einzige Kerze hervor bringen konnte.
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